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Im Autopiloten unterwegs: Warum wir so oft nicht wirklich da sind

19. Aug.
3 Min. Lesezeit

Angekommen, ohne es zu merken


Man kennt es: Du fährst die immer gleiche Strecke nach Hause, der Kopf ist noch bei der letzten E-Mail oder dem Gespräch mit einem Kollegen – und plötzlich stehst du vor der eigenen Haustür, ohne dich an eine einzige Ampel, Kurve oder Kreuzung erinnern zu können. Oder du isst zu Mittag, während nebenbei das Handy läuft, und merkst erst beim leeren Teller, dass du gar nicht richtig geschmeckt hast, was du gegessen hast.


Solche Momente sind kein Ausrutscher, sondern ziemlich normal. Forscher schätzen, dass unser Kopf einen erheblichen Teil des Tages gedanklich woanders ist – nicht im Hier und Jetzt, sondern in der Vergangenheit, in der Zukunft oder einfach im Autopiloten. Genau diesen Zustand möchte ich mir in diesem Beitrag genauer ansehen.



Warum unser Gehirn so gerne abschaltet


Der Autopilot ist keine Fehlfunktion, sondern eine geniale Sparfunktion unseres Gehirns. Alles, was wir oft genug wiederholen – Zähneputzen, die Fahrt zur Arbeit, das Anziehen am Morgen – wird irgendwann zur Gewohnheit und läuft über tiefere, automatisierte Hirnstrukturen statt über bewusstes, energieaufwendiges Denken. Das spart Kapazität für Dinge, die wirklich unsere volle Aufmerksamkeit brauchen, etwa eine neue Aufgabe oder eine unerwartete Gefahr.


Das Problem ist: Das sogenannte Default Mode Network, also jenes Netzwerk im Gehirn, das aktiv wird, wenn wir nicht konzentriert auf eine Aufgabe sind, schaltet sich nicht nur bei Routinehandlungen ein. Es übernimmt auch, wenn eigentlich Raum für echte Erfahrung wäre – beim Essen, beim Spazierengehen, im Gespräch mit einem geliebten Menschen. Wir funktionieren dann zwar, sind aber nicht wirklich dabei.



Wenn der Autopilot zu oft übernimmt


Gelegentlich im Autopiloten unterwegs zu sein, ist völlig unproblematisch. Schwierig wird es, wenn dieser Modus zum Dauerzustand wird. Dann verpassen wir nicht nur kleine Freuden – den Geschmack des Essens, das Lächeln eines Kindes, die Farben des Sonnenuntergangs – sondern auch wichtige Signale unseres Körpers. Verspannte Schultern, ein flacher Atem oder ein leiser Groll im Bauch bleiben oft tagelang unbemerkt, bis sie sich als Kopfschmerz, Erschöpfung oder Gereiztheit bemerkbar machen.


Der Autopilot lässt außerdem viel Raum für den Kopf, um sich mit Sorgen oder Grübeleien zu beschäftigen, worüber ich vor Kurzem bereits geschrieben habe. Wenn wir nicht bewusst im Moment verankert sind, wandert die Aufmerksamkeit besonders leicht zu unerledigten Aufgaben, vergangenen Konflikten oder Zukunftsängsten ab.



Was passiert, wenn wir bewusst innehalten


Genau hier setzt Achtsamkeit an – nicht als esoterisches Konzept, sondern als trainierbare Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und immer wieder zurück in den gegenwärtigen Moment zu holen. Studien mit bildgebenden Verfahren zeigen, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis die Aktivität im erwähnten Default Mode Network verringert und gleichzeitig Areale stärkt, die für fokussierte Wahrnehmung und Emotionsregulation zuständig sind.


Wichtig dabei: Es geht nicht darum, Gedanken komplett abzuschalten oder permanent "im Moment" zu leben – das wäre weder möglich noch sinnvoll. Es geht darum, öfter zu bemerken, wenn der Autopilot übernommen hat, und die Aufmerksamkeit dann sanft zurückzuholen. Wie ein Muskel wird diese Fähigkeit mit Übung stärker, nicht durch einmaliges Bemühen.



Kleine Anker im Alltag


Die gute Nachricht: Man muss dafür keine Stunde meditieren. Kleine, bewusst gesetzte Momente reichen oft aus. Vor dem Öffnen des Laptops drei bewusste Atemzüge nehmen. Die ersten drei Bissen einer Mahlzeit ganz ohne Handy oder Bildschirm essen und wirklich schmecken. Beim Gehen kurz innehalten und bewusst wahrnehmen, was man gerade hört, sieht oder auf der Haut spürt.


Hilfreich ist außerdem, Achtsamkeit an bereits bestehende Gewohnheiten zu koppeln, statt sie als zusätzliche Aufgabe zu behandeln. Während die Kaffeemaschine läuft, drei Atemzüge lang einfach nur atmen. Beim Warten an der roten Ampel einmal bewusst die Schultern lockern. So braucht es keine zusätzliche Zeit – nur einen kleinen Perspektivwechsel innerhalb ohnehin vorhandener Pausen.



Eine Übung für den Feierabend


Zum Abschluss eine kleine, konkrete Übung, die sich gut als Übergang zwischen Arbeit und Feierabend eignet: die 5-4-3-2-1-Übung. Bevor du deine Wohnung betrittst oder dich an den Abend setzt, halte kurz inne und nimm bewusst wahr: fünf Dinge, die du siehst, vier Dinge, die du hörst, drei Dinge, die du auf der Haut spürst, zwei Dinge, die du riechst, und einen bewussten Atemzug.


Diese kurze Übung dauert nur ein bis zwei Minuten, holt dich aber spürbar aus dem Autopiloten zurück in den gegenwärtigen Moment. Probier es diese Woche ein paar Mal aus – nicht mit dem Anspruch, ab sofort ständig achtsam zu sein, sondern einfach, um öfter wirklich anzukommen, wo du gerade bist.

 
 
 

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